Studienfinanzierung in den USA

Ich möchte mit meinem Betrag an Gefion’s Post anschließen, und euch die Situation auf der anderen Seite des Atlantiks schildern. Ich will hier auf drei verschiedene Geldquellen eingehen: Staatliche Forschungsprogramme, Externe Stipendien, und Lehre.

Als Internationaler Student habe ich weder eine permanente Aufenthaltserlaubnis (auch bekannt als „Green Card“), noch die Amerikanische Staatsbürgerschaft. Ich bin quasi nur ein Gast in den USA bis ich meinen Abschluss habe. Gleichzeitig wohne und studiere ich nicht in dem Land in dem ich Staatsbürger bin: Deutschland. Das macht es natürlich schwer an staatliche Gelder zu kommen.
Ich stehe quasi zwischen zwei Stühlen. Einerseits habe ich kein Anrecht auf Gelder der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) oder des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes (DAAD), andererseits auch nicht auf Gelder der National Science Foundation (NSF) oder des Defense Advanced Research Agency (DARPA) des Amerikanischen Militärs. Die einzige Möglichkeit an solche Gelder zu bekommen ist wenn mein Labor ein Projekt finanziert bekommt an dem ich arbeite. Diese Projektgelder werden aber unter vielen Menschen aufgeteilt und man* weiß nie sicher ob man so finanziert werden kann.

Zum Glück gibt es noch externe Stipendien. Oft werden diese von privatwirtschaftlichen Unternehmen finanziert, die so Kontakt mit potentiellen zukünftigen Mitarbeitern aufnehmen wollen. Ich habe mich dieses Jahr bei einem Stipendium von Facebook beworben. Das Problem hier, wie bei den meisten externen Stipendien, es gibt nur extrem wenig Plätze. Facebook, zum Beispiel, vergibt sein Stipendium nur an eine Hand voll Menschen und hat Tausende Bewerber. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit solche Gelder zu bekommen ist sehr klein, und hat viel mit Glück zu tun.

Nun garantieren aber die meisten Universitäten in den USA ihren Doktorand*innen für mindestens fünf Jahre finanzielle Unterstützung (mein Department sogar „für immer“). Was passiert also wenn man* an keine der zuvor genannten Gelder kommt?
In diesem Fall muss man* in der Lehre mithelfen. Mir persönlich macht die Interaktion mit anderen Studierenden sehr viel Spaß und ich habe auch gemerkt dass ich als Teaching Assistant (=Tutor) selber viel gelernt habe.
Leider raubt die Lehre viel mehr Zeit als man* sich das so vorstellt. Ich habe meistens zwei Tage die Woche damit verbracht Hausaufgaben zu korrigieren oder Sprechstunden zu halten.
Lehre ist also nur die Notlösung, außer man* ist sich sicher später mal lehren zu wollen.

Das Ganze ist also viel komplizierter als Ausstehende es sich vielleicht vorstellen. Die gute Nachricht ist aber, dass man* eigentlich immer von irgend einer Quelle Geld bekommt. Wie viel und an welche Bedingungen das geknüpft ist variiert aber sehr.

Studienfinanzierung in UK

Diesen Monat haben wir uns vorgenommen darüber zu schreiben, wie wir alle unser Studium finanzieren und ich mache hier mal den Anfang. Ich habe das unheimliche Glück von meiner Uni, bzw. über Umweg vom EPSCR (Engineering and Physical Science Research Council) hier in Großbritannien, ein Stipendium erhalten zu haben.

Es gibt verschiedene Research Councils in UK, die staatliche Forschungsgelder in verschiedenen Fachgebieten verteilen. Üblicherweise funktioniert das über Ausschreibungen: Die Regierung bzw. deren Administration (oder wer auch immer in diesem Kontext involviert ist) schreibt Grants, also Gelder aus, die für spezifische Themenbereiche, Forschungsarten oder ähnliches zur Verfügung stehen. Universitäten, oder eher Forscher von diesen Universitäten, können sich auf diese Gelder bewerben.

Im ersten Semester meines Masterkurses gab es eine Gruppenarbeit, in der wir uns simuliert auf so einen Grant bewerben mussten. Das hat uns einen recht guten Überblick gegeben, was man dafür so tun muss. Im Grunde ist es eine sehr ausführliche Bewerbung, welche einen Plan dazu welches Projekt man umzusetzen erhofft, was man konkret tun möchte, welche Methodologie man verwendet und warum und welche Ergebnisse man sich davon erhofft, involviert. Das variiert in der Realität natürlich je nach Ausschreibung, Feld und zuständigem Council – sicher ist aber, dass so ein Grant Proposal eine ganze Menge Arbeit ist und eine recht wichtige Tätigkeit für Akademiker. Denn an vielen Unis gilt das Prinzip, dass Forscher einen Teil ihres Gehaltes von der Uni in Forschungsgelder selbst einwerben sollen. An diesem System gibt es natürlich auch viel Kritik und es gibt einige sehr krasse Beispiele aus den USA.

In meinem spezifischen Fall hat die Universität von Southampton einen Grant gewonnen um ein ‚Centre for Doctoral Training in Web Science‘ einzurichten. Insgesamt gab es dafür rund 3,5 Millionen Pfund (etwa fünf Millionen Euro), von denen bis 2023 jeweils 13 Studenten eben dieser, mein vierjähriger Kurs, finanziert wird. Das Stipendium für diese Studenten deckt sowohl die Universitätsgebühren (die in Großbritannien auch für Doktoranden noch einige Tausend Pfund im Jahr betragen), als auch die Lebenshaltungskosten ab. Das Einkommen ist nicht gigantisch, aber es genügt um nicht unbedingt nebenbei arbeiten zu müssen und sich voll und ganz auf das Projekt konzentrieren zu können.

Das für mich besonders interessante an diesem Stipendium ist, wer es bekommen kann. Denn obwohl theoretisch auch EU-Bürger sich auf diese Stipendien bewerben können (weil ein Teil der Forschungsgelder auch aus EU-Quellen kommt), werden ausschließlich in Großbritannien ansässige Studenten voll finanziert. Als ansässig gilt man nur dann, wenn man mindestens drei Jahre im Land gelebt hat, ohne Vollzeit-Student gewesen zu sein. Mir kam also zugute, dass ich bereits einige Jahre hier gearbeitet habe – gerade lange genug, um mich für dieses Stipendium zu qualifizieren. Rückblickend betrachtet war das ein echter Glücksfall, weil ich natürlich nicht von Anfang an geplant habe mich auf so ein Stipendium zu bewerben.

Schreiben ist nicht gleich schreiben

Wenn man promoviert, dann kommt man um bestimmte Tätigkeiten nicht drum rum. Das Schreiben gehört natürlich dazu. Es geht nicht nur darum am Ende die Doktorarbeit an sich zu schreiben. Es wollen auch Paper, Abstracts für Konferenzen, Forschungsanträge etc. geschrieben werden. Und eigentlich immer startet man mit dem bekannten leeren Blatt.

Nun gibt es viele Möglichkeiten, wie man damit umgeht und es gibt auch viele Seminare, in welchen einem erklärt wird, wie das zu funktionieren hat, wie das laufen kann, wie man Schreibblockaden überwindet… sprich es ist eine eigene Industriesparte. Auch ich habe einen solchen Kurs besucht, hatte Vorbehalte und erwartet, dass es einfach nur trocken und theorielastig wird. Doch zum Glück hab ich mich da getäuscht.

Wie so oft steht und fällt die Qualität eines Seminars mit dem Charisma der Referentin. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es schlechte Seminare zum Thema akademisches Schreiben gibt, sowohl inhaltlich als auch von der Umsetzung. Aber man kann dieses Thema tatsächlich mit Leben füllen und innerhalb kürzester Zeit viel vermitteln. Bei dem Seminar, das ich besucht habe, fing alles damit an, dass jede*r ein Schreibjournal bekommen hat und die erste Aufgabe war 5 Minuten durchzuschreiben über ein bestimmtes Thema, nämlich was wir gerade denken. Wie jeder weiß können 5 Minuten eine Ewigkeit sein, wenn man einfach mal keine Ahnung hat, was man mit sich anfangen soll, geschweige denn mit diesem leeren Heft! Dennoch ging es relativ leicht sobald man einmal angefangen hat. Die ersten 5 Minuten waren gemeistert! (Ich rede hier nicht vom Schreiben am Computer, alle Übungen waren handschriftlich, was sicherlich auch einen Unterschied macht). Solche Übungen wurden immer wieder im Laufe des Seminares eingestreut und lockerten das ganze auf.

Weiter ging es mit Textanalysen um uns ein Gefühl zu vermitteln, wie wissenschaftliche Artikel aufgebaut sind. Jeder hatte ein Paper aus seiner/ihrer Disziplin mitgebracht. Es wurden nicht nur die groben Strukturen untersucht (abstract, introduction, material and methods, results, discussion) sondern auch wie einzelne Absätze strukturiert sind oder strukturiert sein sollten. Tipp: es geht um Big Macs. Ein Hamburger besteht ja bekanntlich aus einem Brötchen, welches den Inhalt, also das Fleisch, den Salat, die Tomate etc., zusammenhält. So muss man sich die Struktur einen Paragraphen vorstellen. Oben kommt die Einleitung, was die obere Brötchenhälfte ist. Sie führt in das Thema ein und bildet einen Übergang zu den vorhergehenden Absätzen. Die untere Brötchenhäfte ist die Schlussfolgerung, wo man die Details/den Inhalt (Fleisch, Sauce, Salat, Käse…) in einen Kontext bringt. Das Fleisch, die Sauce etc. sind dann Fakten, die man herausgefunden hat. Hier wird es also detailierter. Und so baut man sich einen Big Mac zusammen.

Wenn man sich mal nicht auf den Inhalt der Paper konzentriert, eröffnet sich eine ganz neue Sichtweise, zumindest mir ging es so. Es fällt nach einer Weile einfacher, die Strukturen wieder zu erkennen und dies ist dann hilfreich dabei, sich besser in Papern zu orientieren. Aber später hoffentlich auch, wenn man selber etwas schreiben muss. Denn wenn man diese Strukturen beherrscht und gezielt anwendet, erleichtert es auch das Leben des Lesers ungemein! Plötzlich wird einem klar, warum man sich durch manche Paper durchkämpfen muss, andere aber leichter verständlich sind.

Später wurden die verschiedenen Schreibstile beleuchtet. So soll es Menschen geben, die eine detailierte Gliederung anfertigen und dann am Ende „einfach“ jede (Teil)Überschrift mit Text füllen und einfach stumpf chronologisch vorgehen. Sie arbeiten das einfach ab. Andere Schreiben einfach drauf los, haben vielleicht eine grobe Struktur, springen aber von Absatz zu Absatz, schreiben hier um, streichen da aber am Ende ist auch dies eine fertige Arbeit. Dann gibt es aber auch z.B. solche Leute, die ewig nix schreiben, sich nur Gedanken darüber machen, was sie schreiben wollen. Das kann Wochen dauern, manchmal gar Monate, eh sie auch nur ein Wort schreiben! Setzen sie sich dann aber einmal hin und fangen an, dann schreiben sie alles in einem Ruck durch und müssen kaum noch revidieren. Es gab auch noch mehr Schreibtypen und in Wirklichkeit sind viele eine Mischung aus mehreren dieser Typen. Ich persönlich neige zum letzteren Verhalten, nicht ganz so extrem wie beschrieben, aber ich hasse es z.B. meine schon geschriebenen Texte zu editieren/verändern. (So ist das auch bei den Blogposts hier 😉 ) Besonders schlimm ist das, wenn man mit anderen zusammen an etwas schreiben muss, was nunmal häufig der Fall ist in der Akademia. Man schreibt zusammen Anträge, Paper, Abstracts… Da muss man lernen mit um zu gehen aber eventuell auch zu erkennen, was der andere für ein Schreibtyp ist.

Natürlich wurden auch typische Umstände, die einem am Schreiben hindern, besprochen. Sei es Prokrastinieren, Zeitmanagement oder Planlosigkeit, was man überhaupt schreiben soll. Ich denke da wird jede*r für sich fündig. Ratschläge gibt es da ja zu genüge im World Wide Web. Wie hilfreich diese dann tatsächlich sind, wird sich zeigen.

Was ich noch sehr spannend fand waren die Regeln des guten Schreibens, auch hier gibt es Publikationen zu, aber eben auch Studien, wo Wissenschaftler*innen gefragt wurden, was sie als gute Regeln ansehen und welches Paper sind, die sie besonders gern gelesen haben. Wie sich zeigte waren das genau jene Paper, die diese Regeln gebrochen haben! Man soll sich also ruhig mal trauen die Konventionen zu brechen, weil man auffällt, es ist erfrischend. Aber auch hier heißt es das richtige Maß zu finden. Zur weiteren Lektüre empfiehlt sich das Buch von Helen Sword „Stylish Academic Writing“. Einen kleinen Einblick dazu gibt es in dieser TED Ed lesson von Helen Sword.

Summa summarum würde ich jeder/jedem empfehlen solch einen Kurs zu nehmen oder sich so mit der Materie zu beschäftigen. Es gibt auch einige MOOCs (massive open online courses) zu dem Thema, ich habe aber persönlich keinen davon ausprobiert. Am hilfreichsten sollte es sein, dies dann zu machen, wenn man eh vor hat in Kürze mit einem Manuskript anzufangen, damit man das Gelernte gleich anwendet und verinnerlicht.

Nun noch kurz die Zahlen der vergangenen drei Monate (ich habe das Schreiben von blogposts leider vernachlässigt):

Monat 9 / 10 / 11
durchschnittliche Arbeitszeit: 9,0 / 8,3 / 8,1
durchschnittliche Produktivität: 7,4 / 7,9 / 7,2 von 10
gesteckte tip Boxen: 12 / 11 / 24

Über Schubladen und Konventionen

Mein Studiengang ist per Definition interdisziplinär. Der ganze Gedanke hinter „Web Science“ ist es das Web aus vielen verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, über Grenzen zwischen Disziplinen hinweg, um ein ganzheitliches Bild zu bekommen. Weil es eben nicht genug ist, es nur als ein technisches Konstrukt zu verstehen oder nur als einen sozialen Prozess oder nur als ein juristisches Problem. Darum gibt es meinen Studiengang.

Ich habe mich, nun wirklich am Anfang des Projektes Doktorarbeit, auf die zwei Disziplinen Soziologie und Computer Science festgelegt. In jedem Bereich habe ich eine*n Supervisor*in (in einem sogar zwei, aber das hat einen anderen Hintergrund), und gehöre nun offiziell zur Fakultät für „Social, Human and Mathematical Sciences“- zur Soziologie also. Obwohl meine Uni einen interdisziplinären Studiengang anbietet, ist eine Zuordnung zu einer Fakultät notwendig, damit klar ist welche Prozesse ich befolgen muss. In meinem Fall ergibt sich diese Zuordnung daraus, dass nur erfahrene Supervisoren hauptverantwortlich für die Betreuung von Doktoranden sein dürfen. Da mein Betreuer in Computer Science dafür noch nicht genug Erfahrung hat, stellte sich die Frage wo ich administrativ hingehöre für mich nicht.

Nun ist aber Administration relativ unwichtig im Kontext der gigantischen Aufgabe diese Doktorarbeit zu schreiben. Dementsprechend egal ist mir, wo ich offiziell hingehöre. Wichtiger ist, wo ich ‚akademisch‘ hinpasse – und da geht das Problem los. Die zwei Disziplinen die ich für meine Arbeit verknüpfen will, funktionieren nämlich sehr unterschiedlich. Das merke ich gerade an den Gesprächen, die ich mit besagten Supervisoren führe.

Will ich langfristig eher in Computer Science-lastigen Bereichen arbeiten, oder in Richtung Soziologie? Will ich überhaupt in der Akademia bleiben? Weil wenn nicht, ist der ganze Gedankengang obsolet. Aber wenn, dann sollte ich jetzt entscheiden, wo ich hin will, weil ich dann in den nächsten drei Jahren darauf hin arbeiten muss in dem Zielbereich einstellbar zu sein. In der Soziologie scheint es üblich zu sein wenige, aber dafür ausführliche, Paper in guten Journalen zu publizieren. In Computer Science hingegen ist der Takt geschätzt bei fünf Papern pro Jahr. Die müssen nicht groß sein, inkrementelle Fortschritte oder Analysen zu berichten ist okay, aber die Taktzahl muss hoch sein. Der Unterschied zwischen den Disziplinen hängt damit zusammen wie die Akademiker in den Bereichen Erfolge messen (nach denen sie auch eingestellt / bezahlt werden).

Ich stehe nun vor der Frage: Wo will ich hin und wie richte ich die Arbeit der nächsten drei Jahre aus, um dorthin zu kommen? Ich weiß nicht ob ich in drei Jahren noch in die Akademia will, aber ich würde mir gern die Möglichkeit offen halten. Gleichzeitig will ich mich aber auch nicht eingrenzen müssen. Außerdem weiß ich ja jetzt nicht, wie die Situation in drei Jahren aussieht. Vielleicht ist Interdisziplinarität, die ja an allen Ecken eingefordert wird, bis dahin soweit durch die Bürokratie gesickert, dass es pragmatische Jobbeschreibungen für Leute wie mich gibt. Vielleicht habe ich auch nach dem Abschluss dieser Arbeit gar keine Lust mehr auf Akademia und gehe in die Wirtschaft – da ist dann vergleichsweise unwichtig wo und wie viel ich publiziert habe.

Ich bin in einem interdisziplinären Bereich, weil ich gerne interdisziplinär arbeite. Mich dabei an die Konventionen nur eines Bereiches anzupassen klingt widersinnig. Wieso sollte es nicht möglich sein, beides zu tun? Kann ich nicht sowohl auf Computer Science-Konferenzen präsentieren als auch in Soziologie-Journalen publizieren? Wofür wäre denn Interdisziplinarität sonst gut? Und verschenke ich nicht das Potential einer ganzen Disziplin, wenn ich mich nur auf eine konzentriere? Das was ich tue wird am Ende ohnehin in keine Schublade passen. Wieso also sollte ich mich in eine quetschen?

Spaß mit Testmessungen

Ein Forschungsarbeit in meinem Fachbereich „Verteilte Systeme“ besteht meistens aus drei Schritten: Entwicklung eins Prototyps, Evaluation, und Schreiben des Papers.
Als ich mein Promotionsstudium begann sagte mein Professor mir, dass der zweite und dritte Teil mindestens so lange dauern wie der erste. Ich habe das damals nicht wirklich geglaubt. Schließlich ist das finden einer guten Idee und deren Umsetzung schon eine Menge Arbeit.

Als ich im Frühjahr mein erstes eigenes Projekt begann, war das Ziel nach ein paar Wochen gute Ergebnisse zu haben und das Paper schreiben zu können. Es kam aber ganz anders. Erstmal war ich ziemlich lange damit beschäftigt die Idee umzusetzen. Wie immer in der Informatik, stößt man* auf irgend ein Problem mit dem man* so nicht gerechnet hat. Dann kamen natürlich noch die einen oder anderen Fehler in der eigentlichen Idee zu Tage. Zwischendurch musste ich mich auch immer mit meinem Professor koordinieren, der mich ja bezahlt und auch so eine Meinung hatte was denn sinnvoll ist und welcher Teil meines Projekts eigentlich Forschung ist und welcher nur Softwareentwicklung.

Irgendwann im Sommer lieft der Prototyp dann endlich und hatte halbwegs gute Ergebnisse. Toll waren die Zahlen aber nicht. Das lag vor allem daran, dass wir eine relativ langsame Programmiersprache nutzen. Deren Vorteil war nur, dass man in ihr einfacher programmieren konnte. Ich beschloss also das ganze in einer besseren Programmiersprache neu zu schreiben. Das klingt erstmal absurd, ist aber was man in der Softwareentwicklung einen „Wegwerfprototypen“ nennt. Die erste Version diente also quasi als Vorlage für die zweite.

Der neue Serverraum.

Im Sommer bekam mein Departement auch noch von einem großen IT Betrieb eine riesige Menge an Servern geschenkt. Ich freute mich dass ich mein Projekt in einer realistischen Umgebung würde testen können. Aber natürlich musste dieses Testbett erst einmal eingerichtet werden. Ich war also mehrere Wochen damit beschäftigt die Server zum laufen zu bekommen. Immer wieder musste ich mich mit verschiedenen Professoren und dem IT Departement absprechen, was das ganzen noch mehr verzögert hat.

Endlich konnte ich schließlich mein Projekt testen. Ich hatte die passende Hardware und der finale Prototyp war auch fertig. Doch die Ergebnisse auf den neuen Servern waren schlecht. Sehr schlecht sogar. Ich bekam ernsthafte Zweifel ob meine Programmierkenntnisse vielleicht nicht gut genug waren und ich mich überschätzt hatte. Ich probierte über eine Woche so einiges um mögliche Probleme zu beheben, aber nichts half. Verzweifelt wie ich war teste ich das ganze auf anderen Servern. Und auf einmal waren die Ergebnisse gut! Es stellte sich heraus dass das Problem wohl die Testumgebung war. So erleichtert war ich schon lange nicht mehr in meinem Leben.

Jetzt wechselt das IT Departement die komplette Verkabelung der neuen Server aus und dann geht es hoffentlich besser. Ich bin schon total gespannt und hoffe bald richtig gute Zahlen zu haben. Nur hoffentlich dauert es nicht nochmal drei Monate um die Publikation zu Ende zu schreiben, denn die Deadline ist schon in drei Wochen…

Hirnzeit

Ich stecke inzwischen bis über beide Ohren im Schreiben dieser Masterarbeit. Ich arbeite jeden Tag daran, schreibe Kapitel, führe Interviews, werte sie aus. Im Schnitt komme ich mit ungefähr tausend Worten pro Tag ganz gut voran. Und trotzdem habe ich mich in meinem Leben noch nie so faul geführt. Ja, ich arbeite jeden Tag, aber eigentlich sind das nur jeweils 3-4 Stunden. Manchmal weniger, manchmal etwas mehr, aber im Schnitt sind es deutlich unter dreißig Stunden pro Woche, die ich tatsächlich an meinem Dokument sitze. Für jemanden der gewohnt war 100 bis 120 Stunden pro Woche zwischen Vollzeitjob, Ehrenamt und Studium zu arbeiten ist das verschwindend wenig.

Die übrige Zeit schaue ich Serien, lese Romane, treffe mich mit Freunden. Das ist wichtig, dieses ‚andere Leute treffen‘, gerade jetzt. Nachdem ich zwei Wochen lang nur am Schreibtisch saß, hin und wieder aufstand und in die Küche ging um mir einen neuen Tee zu machen, fiel mir auf, wie einsam ich mich bei diesem Schreiben fühle. Da ich noch keinen Platz in der Uni haben, kann ich nur zu Hause arbeiten. Das bin ich gewohnt, ich hab ja nicht umsonst jahrelang an der Fernuni studiert. Nur irgendwie hatte ich erwartet dass dieses Studium anders wird, sozialer, mit mehr Interaktion und Gesprächen mit Leuten die meine Interessen teilen. Also ist es nötig, einfach mal die Arbeit Arbeit sein zu lassen, raus zu gehen und mit meinen Kommilitonen in den Pub zu gehen. Zumal ich mir sicher sein kann dass wir dort ja auch über unsere Arbeit sprechen. Und bei diesen zwanglosen Gesprächen kommen bisweilen ja auch sinnvolle neue Gedanken zustande.

Das Ausgehen kann ich vor mir selbst also noch rechtfertigen. Stundenlang Zeug zu schauen oder meine frisch erstandene Sammlung Romane der Brontë-Schwestern zu lesen, nicht so sehr. Aber ich weiß halt auch, dass es nichts bringt mich zu zwingen den ganzen Tag zu arbeiten. Oder eine Mindestzeit lang. Wenn ich mich zwingen würde fünf Stunden pro Tag zu schreiben käme bei zweien davon nur Mist heraus. Wenn ich zwanghaft zweitausend Wörter schreiben, oder fünf Paper lesen müsste, könnte ich das zwar, aber ein großer Teil davon wäre wertlos. Jeder der das mal versucht hat weiß wie wenig von Texten im Hirn hängen bleibt wenn man sie mit einem matschigen Hirn liest.

Wirklich produktiv schreiben tue ich Vormittags. Je früher ich anfange, desto besser. Ab zwölf schaltet mein Hirn langsam runter, und nach 14 Uhr noch zu schreiben ist meistens aussichtslos, es sei denn ich muss dabei nicht denken. Wenn ich mein Thema sehr gut kenne, und sozusagen nur aufschreibe was ich ohnehin weiß, kann ich das auch später, oder Abends bei einem Glas Wein tun. Aber dieses richtige Schreiben, bei dem ich durchgehend Sachen nachschlagen, referenzieren, zitieren muss, bei dem ich denken muss, bei dem ich neue Ideen bilden und verknüpfen muss, da geht das nicht. Das geht nur mit einem frischen Hirn, und nur in kurzen Schüben.

Und daher kommt dann das Gefühl von Faulheit. Ich nutze die Zeit in der ich produktiv arbeiten kann (okay, meistens, manchmal fange ich auch erst um 12 an). Wenn ich merke dass ich nicht mehr kann höre ich auf. Manchmal mache ich nur eine Pause, und setze mich danach noch einmal für eine Stunde hin, meistens lasse ich es dann aber ganz sein, einfach weil ich merke dass ich mich nicht mehr genug konzentrieren kann um sinnvolle Sachen zu schreiben. Ich kann ohnehin nichts dagegen tun dass mein Kopf im Hintergrund Dinge die ich gelesen und geschrieben habe weiter verarbeitet, versteht, neue Schlüsse zieht. Dafür liegt immer ein Post-It-Block bereit, und ab und an notiere ich dann nebenbei Gedanken die ich in meiner nächsten produktiven Phase in die Arbeit einbaue.

Auf die Art habe ich inzwischen 150% des Textes geschrieben den ich brauche – das obere Limit für die Arbeit sind 15.000 Wörter, ich bin bei 22.700. Ich habe den ersten Entwurf der Arbeit, mit Ausnahme kleinerer Abschnitt, fertig. Alles was in die Arbeit soll ist jetzt da, und ich habe eine ungefähre Ahnung welche Geschichte ich damit erzählen möchte. Ich weiß in etwa welche Erkenntnisse wichtig sind, und wie ich sie argumentieren kann. Ich muss nun noch die gesamte Arbeit zu einem einheitlichen Text verarbeiten, der all die Einzelteile miteinander verknüpft.

Ich habe noch immer keine Ahnung wie ich all das was ich gelernt, verstanden und verarbeitet habe mit der Theorie verknüpfen soll auf die ich es aufbauen will – davon erzähle ich später noch einmal mehr, wenn ich (hoffentlich!) eine Lösung gefunden habe. Bis dahin schreibe ich einfach weiter an der Arbeit, beziehungsweise streiche, denn ich muss sie deutlich kürzen! Viel Zeit habe ich nicht mehr – heute in drei Wochen muss ich die fertige Arbeit abgeben.

Veranstaltungen

Labmeetings, Journal Club, Institutsseminar, soft skill Kurse, Literatur Seminar, Betreuungsgespräche, Vorlesungen, Retreats, Konferenzen, Weiterbildungen, Gruppenseminare, Forschungsaufenthalte, Kolloquien… und die Aufzählung ist bestimmt noch nicht vollständig.

Wenn man Glück (oder Pech) hat, wird man heute als Promoventin mit allem genannten konfrontiert. Einiges davon auf wöchentlicher Basis, andere Ereignisse treten in anscheinend unvorhersehbaren Abständen immer mal wieder auf und schweben immer wieder drohend über einem. Es gibt hier sicher zwei Seiten, dies zu betrachten und ich werde versuchen, beide zu beleuchten (auch wenn ich gerade mehr zu der einen, als zu der anderen Seite neige).

Sicherlich ist das Bild vom Wissenschaftler, der nur in seinem Kämmerlein oder Labor hockt und forscht und grübelt weit verbreitet. Wahrscheinlich gab es auch mal eine Zeit, wo dieses Bild der Realität mehr entsprach, als heute. Die Wissenschaft hat sich weiterentwickelt, sie ist gewachsen, hat sich profesionalisiert und vernetzt. Ich denke gerade letzteres, also das Vernetzen, hat sie auch sehr verändert und gibt vielen der eingangs genannten Errungenschaften eine Daseinsberechtigung.

Während einer Promotion soll jede*r zu einer Spezialistin auf ihrem/seinem Gebiet werden. Gleichzeitig soll man aber auch noch einen generellen Überblick haben, wissen was um einen herum passiert, nicht das große Ganze aus den Augen verlieren. Für sowas gibt es Journal Clubs und/oder Literaturseminare. Beides kann das gleiche sein, sie können sich aber auch voneinander unterscheiden und von Uni zu Uni wird es dann nochmal anders aufgefasst. Bei beiden ist die Idee jedoch, dass man aktuelle Publikationen in Fachzeitschriften, meist zu einem vorgegebenen Thema, gemeinsam diskutiert.

Um den (Forschungs)Horizont zu erweitern gibt es dann auch noch (Pflicht)Vorlesungen und Weiterbildungen. Auch ein Forschungsaufenthalt kann da sehr ratsam sein um z.B. eine neue Methode zu lernen.

Labmeetings, Institutsseminare, Kolloquien, Gruppenseminare und Retreats sind dazu da, alle Beteiligten als (Forschungs)Einheit zusammen zu schweißen, von Zeit zu Zeit neuen Input und Feedback einfordern zu können und eventuelle allgemeine Ansagen, die es nicht über den eMailverteiler schaffen, zu machen.

Ich glaube Soft Skill Kurse sind relativ neu, meist auch auf freiwilliger Basis. Viele dieser Kurse dienen dazu, dass Studierende sich in dieser vernetzten Welt besser zurechtfinden und präsentieren können. Sei es ein Kurs darüber, wie man Vorträge selbstbewusster hält, wie man Poster besser gestaltet oder einfache Kurse über wissenschaftliche Etikette. Alles denkbar, alles zur Verfügung. Ich denke ihr Auftreten ist auch damit verknüpft, dass die Unis sich einiges von der Wirtschaft abgucken, auch die Sprache.

Konferenzen und Betreuungsgespräche sind wohl die Dinge, die es schon am längsten gibt. Wenn man jemanden gefunden hat, der die Betreuung der Arbeit übernimmt, so führt man auch ab und an Rücksprache, wie es läuft, was man ändern könnte, was nicht so toll lief. Wie oft man solche Gespräche führt, ist natürlich auch wieder eine andere Frage.
Konferenzen sind wichtig um sich zu präsentieren aber auch um mal die Leute kennen zu lernen, von denen man sonst nur die Paper liest.

Wie der geneigte Leser sieht, erscheint alles sinnvoll, alles ist dazu gedacht, einem bei seiner Entwicklung zur eigenständigen Wissenschaftlerin weiterzuhelfen. Das Problem ist nur, dass man nebenbei auch noch forschen soll und seine eigene Promotion schreiben muss. Das dann aber auch bitte in den vorgegebenen 3 Jahren, weil danach die Finanzierung ausläuft. Hinzu kommt dann, dass man auch allgemeine Arbeiten in der Arbeitsgruppe machen muss, anderen mal hier mal dort helfen (gut, sie helfen einem auch), dann wird man vielleicht noch in jenem Projekt involviert, weil es irgendwie passt, dann noch die Lehrverpflichtung… Wenn dann noch diverse Seminare und andere Veranstaltungen dazu kommen (wo meist Poster oder Vorträge vorbereitet werden müssen), dann kostet das einen sehr viel Zeit. Zeit, die dann für die eigentliche Forschung fehlt. Mich persönlich nervt das extrem, denn anschließend muss man sich im Betreuungsgespräch rechtfertigen, warum man so langsam voran kommt. Aber eigentlich sollte das doch logisch sein, wenn man noch so vieles nebenbei machen muss?!?

Ich persönlich empfinde manche dieser Veranstaltungen als Zeitverschwendung. Andere finde ich großartig. Aber leider kann ich mir kaum aussuchen woran ich teilnehme. Das ist schade. Viele Veranstaltungen sind terminlich von Sonderforschungsbereichen, Instituten, graduate Schools oder Exzellenzklustern vorgegeben und ich muss meine Experimente drum herum planen. Je nach Experiment klappt das leider nur mehr oder weniger gut. Ich fände es schöner, wenn wieder mehr die eigentliche Forschung im Fordergrund stände.

Hier der Monat in Zahlen:
durchschnittliche Arbeitszeit: 7,7 Stunden
durchschnittliche Produktivität: 6,5 von 10
gesteckte tip Boxen: 15

Rankings

Wissenschaftler_innen lieben es Dinge in Zahlen auszudrücken. Es soll so objektiv und eindeutig wie möglich sein. Auch ich als Informatiker finde es natürlich toll, wenn ich etwas als mathematischen Zusammenhang formulieren kann und nicht mehrere Absätze schreiben muss. Deswegen finde ich die Idee von Ranking und Standardisierten Tests eigentlich auch ziemlich praktisch. Statt dass man sich lange mit einer Person oder einer Institution beschäftigen muss, kann man sich einfach an einer oder mehreren Zahlen orientieren.
Doch meine positive Einstellung zu Rankings hat sich dann doch sehr stark verändert in den letzten Jahren.

Als ich noch in der Schule war, war ich ziemlich planlos and welche Universität ich gehen sollte. Oder sollte es vielleicht doch ein duales Studium oder gar eine Ausbildung sein? Leider gibt es in Deutschland keine College-Beratung und meine Eltern wussten wenig über Informatik oder die akademische Welt.
Letztendlich habe ich mich damals für ein Studium in meiner Heimstadt entschieden, weil mich dort die Betreuungssituation sehr überzeugt hat. Diese Universität ist eher klein und unbekannt. Sie schneidet zwar in manchen Rankings ganz gut ab, eben wegen dem guten Verhältnis von Dozenten zu Studierenden, taucht aber in den meisten Rankings gar nicht auf.
Hier wurde mir das erste mal klar, dass Rankings für Bachelorstudierende wenig Bedeutung haben und auch für Masterstudierende, die nicht in die Forschung wollen. eher unwichtig ist. Dies liegt vor allem daran, dass sie auf Faktoren basieren, die für die „normalen“ Studierenden nicht relevant sind, zum Beispiel Drittmittel oder die Anzahl der Publikationen/Zitate.

Als ich dann nach Universitäten im Ausland gesucht habe um mich zu bewerben, habe ich mich mal wieder etwas an Rankings orientiert. Hier habe ich das erste mal ihren wirklichen Nutzen verstanden. Ähnlich wie bei den standardisierten Tests ist es eine gutes Mittel für eine Vorauswahl. Da meine Betreuer relativ schlecht im Ausland vernetzt waren, stellte sich mir erstmal die Frage, welche Universitäten kommen überhaupt in Frage? In den USA allein gibt es ca. 5000 Institutionen. Hier wäre ich ohne irgend eine Hilfestellung total verloren gewesen. Natürlich wäre es viel besser gewesen wenn ich statt Rankings die eine oder andere persönliche Empfehlung bekommen hätte.

Doch auch hier ist es extrem wichtig auf die richtigen Kriterien zu schauen. Das wichtige ist nicht, dass die Uni einen guten Ruf hat, sondern das Fach, das man* studiert — oder noch wichtiger: der Fachbereich für den man* Interesse hat. So gibt es zum Beispiel mehrer „Eliteuniversitäten“, die in Informatik eher schlecht da stehen. Ein Beispiel dafür ist Harvard. Das Computer Science Department dort hat zwar eine Menge Geld aber leider wenige Professor_innen, die in guten Konferenzen publizieren[1].

Als ich dann in den USA war und mein Studium dort so langsam begonnen habe, habe ich das erste Mal die Schattenseite dieser Rankings gesehen. Jetzt wo ich an einer Universität bin, die öfters Mal in den weltweiten Top 10 (was immer das bedeutet) gesehen wird, lerne ich zwar oft interessante und fleißige Menschen kennen, aber viel öfters sehr arrogante Menschen. Es ist hier fast schon normal, dass man sich etwas darauf einbildet an einer so „guten“ Institution zu sein. Das ist ähnlich wie mit Fans einer Fussballnationalmannschaft. Man hat zwar selber eigentlich nichts oder wenig mit dem Erfolg zu tun, ist trotzdem aber stolz darauf.

In den USA ist es leider auch so, dass man als Absolvent_in einer schlecht gerankten Uni sehr schwer eine Profesor_innenstelle bekommt. Das ist vermutlich für die Forschung eher schädlich als hilfreich, da sich Ideen aus weniger renommierten Institution schlechter verbreiten, selbst wenn sie gut sind.
Das liegt natürlich auch daran, dass hier die Schere zwischen den Colleges sehr auseinander geht. Nicht nur bei Studiengebühren sondern vor allem bei Drittmitteln.

Ich hoffe deswegen, dass Leute sich bei ihren Bewerbung als wichtigsten Faktor immernoch den persönlichen Eindruck nehmen. Kann ich mit diesen Menschen gut zusammen arbeiten? Ist das Kursangebot der Universität passend für mich? Und vor allem: kann ich mir vorstellen am Standort der Universität zu leben?
Wenn man diese Faktoren ernst nimmt sollte jede_r es schaffen den passenden Studien- oder Arbeitsplatz zu finden.

[1] In der Informatik sind Journals eher unbeliebt. Deswegen publiziert man bevorzugt in Proceedings von Konferenzen.

Ethik

Das Thema Ethik ist mit Forschung eng verknüpft. Darum gibt es an meiner Uni – wie wohl an jeder anderen britischen Universität – ein Komitee, dass über die ethische Vertretbarkeit aller Forschungsprojekte entscheidet. Dabei geht es vor allem um die Frage, was konkret geschieht, mit wem und zu welchen Bedingungen. Ein Vortrag, den ich auf einem Workshop diese Woche sah, brachte den Grund dafür schön auf den Punkt: „Research(ers) should do no harm!“

Der Prozess ist zum Beispiel bei medizinischen Experimenten auch ohne Expertise auf dem Gebiet leicht vorstellbar: Ein Forscher hat ein Medikament entwickelt und muss testen, ob es funktioniert. Dazu braucht er – nach diversen anderen Schritten – Menschen, die das Medikament probeweise einnehmen, um (Neben-)Wirkungen festzustellen. Die Testkandidaten müssen dabei natürlich genau wissen, worauf sie sich einlassen, das Risiko kennen und der Teilnahme explizit zustimmen. Dazu muss der Forscher all diese Faktoren durchdenken und sein Projekt – trotz eventueller Risiken – rechtfertigen. Das Gesamtpaket wird von einem Komitee geprüft, bevor der Forscher loslegen darf.

So ähnlich funktioniert es auch in anderen Bereichen, und eben auch bei mir. Ich hatte in meinem letzten Beitrag schon berichtet, dass ich ein „Ethics Approval“ brauche, um mein Projekt durchführen zu dürfen. Da ich lediglich Interviews über Skype führen möchte, halten sich die Risiken glücklicherweise in Grenzen! Nichtsdestotrotz brauchte ich sechs verschiedene Formulare für meine Bewerbung: Eines mit einer Beschreibung meiner Studie, deren Teilnehmern und was ich mit ihnen vorhabe. Ein weiteres für die Versicherung. Eine Ausführung dazu welche Daten ich erhebe und wie ich diese – im Rahmen des Data Protection Act in Großbritannien – nutze, speichere und vernichte. Dann noch eine komplette Übersicht über alle Interviewfragen, die ich stellen möchte, ein Informationsblatt und eine Einverständniserklärung für meine Interviewpartner. Und weil ich die Bewerbung auf Englisch schreibe, die Interviews aber auf Deutsch führe, brauchte ich die Hälfte dieser Dokumente auch noch in zwei Sprachen!

Insbesondere das Bewerbungsformular war sehr hilfreich dabei genauer zu definieren, was ich überhaupt machen möchte. Der Interview-Leitfaden war etwa genauso hilfreich, nur anders. Ich habe zwar beruflich schon viele Interviews geführt und habe in meiner früheren, politischen Rolle viele solche Interviews gegeben. Jetzt aber selbst zum ersten Mal so einen Leitfaden zu schreiben war eine Herausforderung. Zunächst mal muss ich sicherstellen, dass die Fragen, die ich stelle, so beantwortet werden können, dass ich verwertbare Ergebnisse bekomme. Dazu muss ich genauer wissen, was ich überhaupt wissen will.

Klingt einfach? Ist es sicher nicht! Denn mir fiel schnell auf, dass ich von der hier benötigten Detailtiefe noch recht weit entfernt war. Meinen ersten Entwurf schickte meine Betreuerin mir mit dem Kommentar zurück „Überleg mal wie Du auf diese Fragen reagiert hättest, wenn Dich jemand das früher gefragt hätte.“ Das war ein guter Hinweis, denn mir fiel auf, dass ich denken würde, die Person auf der anderen Seite hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Also habe ich mich hingesetzt und diese Hausaufgaben gemacht, mir noch mehr Vorwissen über den Bereich (Entscheidungsprozesse in politischen Parteien) angelesen und darauf basierend den kompletten Leitfaden noch einmal überarbeitet. Plötzlich war dann auch klarer, wo ich Schwerpunkte setzen muss und welche Fragen so gar nicht sinnvoll waren.

Sobald ich alle diese Dokumente fertig hatte – was immerhin sechs Wochen gedauert hatte! – kam der große Moment: ich konnte die Bewerbung endlich abschicken. Schon am nächsten Werktag bekam ich eine Antwort: Das Anfangsdatum, dass ich zu Beginn in die Formulare eingetragen hatte, war schon heran, und so schnell kann die Kommission die Bewerbung nicht bearbeiten. Also mussten die Daten geändert werden. Ich ahnte, dass dieser Prozess noch länger dauern könnte und plante dementsprechend zwei Wochen weiter nach hinten. Schon am nächsten Tag kam die Bewerbung wieder zurück: Mehrere Details in meinem Bewerbungsformular, dem Daten-Plan, dem Teilnehmerinformationsblatt und der Einverständniserklärung passten nicht. Nach einer weiteren Runde Änderungen konnte ich die Bewerbung nun zum dritten Mal einreichen.

Schon am nächsten Tag kam sie wieder zurück – diesmal mit dem ersehnten Approval! Alles in allem hat der eigentliche Prozess nun also nur drei Tage gedauert. Das einzige, das ein bisschen unglücklich ist, ist dass ich das Startdatum nach dem ersten Feedback so weit nach hinten geschoben habe, dass ich nun erst in knapp zwei Wochen anfangen darf tatsächlich Interviews zu führen. Diese Zeit nutze ich nun also dazu, mehr Literatur zu lesen und meine Interviewtermine zu planen. Ich habe insgesamt nur noch knapp acht Wochen Zeit, bis diese Arbeit fertig sein muss – jeder Tag zählt!

Sommerloch

Das akademische Jahr im anglo-amerikanischen Raum ist anders aufgebaut als in Deutschland. Vorlesungsfreie Zeiten sind generell sehr kurz, dafür gibt es eine große Pause im Sommer. Nach meinen ersten zwei Semestern in den USA, ist dies mein erster Sommer hier.
Ich hab mich lange auf diese Zeit gefreut da ich endlich mit dem Großteil meiner Kurse zu Ende bin. Mir war nicht klar dass dies auch das erste Mal ist, wo ich quasi auf mich allein gestellt bin.

Man muss sich eine Promotion vorstellen wie — ich spreche hier zwar nur für die Informatik aber es ist in anderen Fachbereichen sicher nicht anders — als wenn man in einem Startup arbeitet. Und das Labor ist quasi wie ein Inkubator. Jede_r hat ein anderes Projekt an dem man arbeitet. Als neue Doktorand_in muss man so ein Projekt aber erst einmal finden. Bei einem Startup kann man sich oft an einer anderen Idee orientieren, bei einer Doktorarbeit muss man aber eine neue Idee aufgreifen.

Ich verbringe also meinen Sommer damit an mehreren Ideen zu arbeiten. Ein Projekt ist in meinem Nebenfach, wo wir Daten aus sozialen Netzwerken analysieren. Das andere Projekt ist in meinem Kernfach und befasst sich mit neuartigen Datenbanken.
Bis jetzt ist alles noch nicht sehr aussichtsreich, ich bin aber überzeugt dass ich bald etwas finde das vielleicht die Basis für meine Projekte in den nächsten Jahren sein wird. Eine Promotion braucht eben Zeit und, wie schon im letzten Blogpost erwähnt, Fehlschläge gehören eben dazu.

Oft ist es trotzdem schwer sich zu motivieren. Ich habe keine festen Arbeitszeiten, aber versuche jeden Tag mindestens acht Stunden zu arbeiten. Weil ich noch etwas undiszipliniert bin, schiebt sich dann öfters mal mein Arbeitstag in die Nacht oder ich hole Arbeit an den Wochenenden nach. Ich hoffe dass sobald ich ein Thema gefunden habe alles etwas geregelter zugeht.

Mein Betreuer ist bei der Suche eine wichtige Ressource die ich zu nutzen lerne. Auch wenn ich nicht gerne damit prahle an einer „Eliteuni“ zu arbeiten, hat es doch den Vorteil dass die Professor_innen sehr viel besser wissen was in ihren Fachbereichen passiert. Wenn ich mit einer Idee zu meinem Betreuer komme, kann er mich fast immer auf eine relevante wissenschaftliche Publikation verweisen. Oft sind es sogar Forscher_innen an meiner Institution die an Projekten arbeiten, die eine Inspiration für mich sein könnten.

Ich habe auch gemerkt dass ich immer noch lernen muss effizient Paper zu lesen. Oft brauche ich mehrere Stunden um raus zu finden ob eine wissenschaftliche Arbeit für mich relevant sein könnte. Auch das Schreiben fällt mir noch ziemlich schwer. Zwar waren Projektarbeiten auch an meiner deutschen Uni meistens schon in Englisch, aber es ist trotzdem noch sehr schwer für mich die zu verstehen wie ich ein Paper am besten strukturiere. Auch hier ist mein Betreuer eine große Hilfe. Ich glaube das Schreiben wird mir mehr Spaß machen sobald ich etwas besser werde.

An einer renommierten Universität zu arbeiten ist also vorteilhaft wenn man Hilfe sucht, anderseits wird auch viel Eigenständigkeit und vor allem viel Zeit von den Studierenden verlangt. Meistens ist es aber man selbst, der an einen die größten Anforderungen stellt.